Rund um den Ontario See

Um den Ontario See

Samstag, 5.8.95 

Nach 7 Stunden und 45 Minuten Flugzeit landeten wir um 16 Uhr in Toronto/Kanada. Die Außentemperatur betrug 23°C bei bedecktem Himmel. Beim Hertz-Schalter nahmen wir unser Auto in Empfang, einen weißen Ford Escord. Der größere Wagen, den wir bestellt hatten, war leider nicht verfügbar, so erhielten wir den entsprechenden Preisnachlass. In der Stadt fand an diesem Wochenende irgendein Festival statt. Der Mann am Hertz-Schalter empfahl uns, außerhalb der Stadt ein Hotel zu suchen. Die Landschaft auf dem Highway durch die Vororte von Toronto war nicht besonders schön, eher wie alle Stadtautobahnen: viel Industrie, riesige Stromleitungen und große Werbeschilder am Rand. Wir fuhren etwa 120 km aus der Stadt heraus Richtung Niagara Fälle, nach Vineland Station. Direkt am Highway entdeckten wir ein Motel, Days Inn, was einen guten Eindruck machte. Der Empfang sah recht gut aus, mit direktem Blick auf einen Swimming Pool. Wir fanden daher den Zimmerpreis von umgerechnet 150 DM in Ordnung. Als wir das Zimmer aber besichtigten, bekamen wir einen Schreck. Die Eingangstür sah schon ziemlich demoliert aus, von der Decke bröckelte der Putz und es roch, wie schon einmal hinein gepinkelt. Wir ließen uns ein anderes Zimmer geben, was etwas besser in Schuss war.


Sonntag, 6.8.99

Niagara FälleIngrid war schon vor uns auf, saß angezogen bereit und schrieb Tagebuch, bis wir Langschläfer endlich aufwachten. Sie hatte auch mehrere Stunden im Auto und Flugzeug fest geschlafen. Das Frühstück passte überhaupt nicht zu dem Motel. Es war sehr gut mit freundlicher Bedienung. Für umgerechnet 18 DM wurden wir satt (Kaffee bzw. Apfelsaft, Cornflakes, Toasts und Rührei). Auf dem Weg zum Motelzimmer stellte Manfred fest, dass die dicksten Frauen in Amerika leben. Über die Weinstraße begaben wir uns nun Richtung Niagarafälle. Die Straße führte an Weinhügeln vorbei. Viele deutsch klingende Namen konnte man an den Weingütern finden. In Niagara Falls, auf der kanadischen Seite, herrschte sehr viel Trubel. Die Wasserfälle waren sehr beeindruckend, besonders der Horseshoe Falls. Von ihm stieg eine hohe Wolke spritzendes Wasser auf. Manfred war eher enttäuscht, er hatte sich die Wasserfälle größer vorgestellt und inmitten der Natur liegend. Aus dem Reiseführer entnommen: "Mehr als 10 Mio. Besucher fahren jährlich dorthin, um die Wasserfälle zu erleben. Es sind 2 Wasserfälle, der amerikanische ist 328 m breit und stürzt in 2 Stufen 55 m tief; sein südlicher Teil wird "Bridal Veil Fall", Brautschleierfall, genannt. Der kanadische "Horeshoe Fall", Hufeisen-Fall, der den Namen seiner Form verdankt, ist 640 m breit und stürzt 54 m tief." Besichtigen kann man die Fälle per Boot, per Turm oder einfach nur vom Ufer, so wie wir. Schließlich hatten wir genug von der Jahrmarkt Stimmung. Weiter ging es zur US-Grenze. Die Pässe wurden uns hier abgenommen. In einer überfüllten Baracke (Immigration Büro) mussten wir Listen ausfüllen und unsere Pässe wieder abholen. Es herrschte hier ein ziemliches Chaos. Am Ontario SeeAuf dem gut ausgeschilderten Seaway Trail am Ontario See entlang, führten wir unsere Reise fort. Durch Umleitungen, wegen einer gesperrten Brücke, kamen wir etwas von der Strecke ab und landeten in Ridgeway. In einer Tankstelle erkundigte sich Manfred nach einem Motel. Die Kassiererin empfahl uns Medina. Dort angekommen stand ein großes Schild "No vacancy" und im Büro war kein Mensch zu sehen. Aber neben dem Büro hing ein Telefon mit einem Zettel, wo man anrufen sollte, wenn das Büro unbesetzt war. Manfred probierte sein Glück und es klappte tatsächlich. Er brauchte nur die Nummer seiner Kreditkarte durchgeben, das Zimmer Nr. 11 war nicht abgeschlossen. Der Schlüssel lag innen. Das Zimmer war kein Vergleich zu dem von gestern. Es war sauber, groß und kostete nur halb so viel. In Medina waren die Gehwege schon hoch geklappt. Aber nach längerem Suchen fanden wir eine Pizzeria. Als erstes schnippte mir Manfred, versehentlich meinte er, eine Fliege in den lockeren T-Shirt-Ärmel. Ich bekam sie zuerst nicht heraus. Das war ein komisches Gefühl. Wenn ich eine Weile still saß, krabbelte es plötzlich wieder unterm Arm. Ich war schon drauf und dran, mich zu entblößen, als die Fliege doch noch den Ausgang fand. Ingrid aß Spaghetti, Manfred bestellte sich eine mittelgroße Pizza und ich eine Pizza Bambino. Manfreds Pizza hatte bestimmt einen Durchmesser von 60 cm, und meine hatte Tortengröße. Wir schafften beide vielleicht knapp die Hälfte, denn die Böden waren etwa doppelt so dick wie bei uns. Die Bedienung brachte uns Behälter zum Einpacken, wir mochten nicht ablehnen. Draußen wussten wir aber nichts Rechtes damit anzufangen. Im Zimmer befand sich kein Kühlschrank, also wohin damit? Wir suchten nach einem Abfalleimer. Manfred entdeckte einen und versuchte die Pizza hineinzustopfen. Als es gar nicht funktionierte, merkten wir schließlich, dass der Mülleimer ein Briefkasten war. Gott sei Dank hat uns keiner zugeschaut. So kann es Greenhorns gehen.


Montag, 7.8.95

Friedhof in MedinaNach einer ruhigen Nacht, fuhren wir zum Frühstück zu einem Familienrestaurant. Es gab nur recht massive Sachen, außer für Kinder. So aß Manfred Pfannkuchen mit Speck, Ingrid Toast mit Marmelade und ich "French Toast" (armer Ritter) mit Ahornsirup und Würstchen. Wenn man die Amis an den Nebentischen beobachtete, weiß man warum sie so dick sind. Die meisten essen Bratkartoffeln, Speck und Rührei. Und alles wird erst einmal ordentlich nachgepfeffert und -gesalzen. Anschließend unternahmen wir einen kleinen Stadtbummel durch Medina. Da ich in einem Schaufenster billige LEVIS-Jeans entdeckte, die bei uns das dreifache kosteten, betraten wir den Laden. Ganz ungestört konnten wir hier, als die einzigen Kunden herumstöbern. Leider kannte Manfred seine amerikanische Größe nicht, und so testete er zuerst mal bei den größeren Hosen. Er begann mit einer Jeans mit der Bezeichnung "Dickie". Plötzlich hörte ich Ingrid lachen und lachen. Manfred berichtete, dass die Hose einen so riesigen Bauch hatte, dass zwei Manfreds hineingepasst hätten. UnterwegsBei den kleineren Größen fanden wir beide je eine lange und eine kurze Jeans. Im Nachbargeschäft erstanden wir auch für Ingrid eine kurze Hose. Die Verkäuferin schätze Ingrid gleich auf die richtige Größe und freute sich so darüber, dass wir gleich ins Gespräch kamen. Wir wurden gefragt, woher und wohin, was bei uns die Sachen kosteten usw. Schließlich war die ganze Belegschaft, bestehend aus drei Frauen und einem Mann um uns herum versammelt. Visitenkarten wurden getauscht und eine Verkäuferin schenkte uns einen selbst gebastelten Weihnachtsstern. (Niagara Fälle sprachen wir wohl so falsch aus, dass sich die Belegschaft totlachte, als sie endlich herausbekamen, was wir meinten.) Nachdem wir lange Zeit geplaudert hatten, drängten wir zum Motel, denn wir mussten unser Zimmer bis 11 Uhr geräumt haben. Die Verkäuferin meinte, keine Eile, sie kenne den Besitzer und wir könnten uns auf sie berufen, falls wir wegen der Zeit Ärger bekämen. Weiter ging die Fahrt. Eine kleine Fotopause mussten wir kurz vor Medina an einem "Zementwerk" einlegen. (Cemetery = Friedhof, aber als Manfred das Schild zum ersten Mal sah, dachte er es wäre ein Zementwerk. Minigolf bei Sodus PointDarum nannten wir Friedhöfe von nun an nur noch Zementwerke.) Jedenfalls war dieser besonders niedlich (kitschig). Auf jedem Grab wehte ein kleines amerikanisches Fähnchen. Über Felder, durch Dörfer und Obstplantagen ging es nach Rochester. Alle 300 Meter wurden Äpfel, Pfirsiche, Himbeeren und Kartoffeln zum Kauf angeboten. Maurer wurden in diesem Teil der USA arm, es gab nur Holzhäuser. Kirchen aller möglichen Konfessionen sah man, am häufigsten die Baptisten Kirchen, aber auch Katholische-, Methodisten-, Jehova- und Nazarena Kirchen. Das Autofahren ist sowohl für den Fahrer als auch für den Beifahrer sehr entspannend. Man fährt gemütlich vor sich hin, keiner überholt und man braucht auch nicht zu überholen. Sogar in den Städten warten die Amerikaner geduldig hinter einem Auto, das auf der Abbiegespur hält, weil der Fahrer noch einen Blick auf die Karte werfen muss. Hupen hört man eigentlich nie. Die Wegweiser an den Straßen enthalten fast ausschließlich Straßennummern z.B. Richtung 6 North, oder 50 East... Das vereinfacht sehr das Kartenlesen, denn jede Straße hat eine Nummer. Man muss also nicht unbedingt die nächsten fünf Orte kennen, wie bei uns. Ab Rochester ging es den "Seaway Trail" am Ontario See weiter. Kurz vor Sodus Point entdeckten wir zu Ingrids Vergnügen eine fürchterlich kitschige Minigolfanlage mit Neuschwanstein-Nachbau. Eine Runde spielten wir auf der leeren Anlage. Ingrid war begeistert. In Sackets Harbour entdeckte Manfred ein nettes Motel, dass aber leider schon belegt war. Die freundliche Besitzerin schickte uns zu einem 20 Meilen entfernten Motel, zwischen Stone Mill und Pearch River gelegen, das ihr auch gehörte. Es war zwar keiner da, aber sie glaubte Zimmer 9 wäre nicht abgeschlossen. Das stimmte. Das Motelzimmer war mit lauter kitschigen Kleinigkeiten geschmückt. Es gab kein warmes Wasser und in meinem Bett musste ich erst eine Kakerlake entfernen, dafür war es ruhig und kostete nur 39$. Abends bummelten wir noch ein bisschen durch Sackets Harbor und genossen den Sonnenuntergang über dem Wasser. Der Ort ist wohl ein geschichtsträchtiger Platz aus dem Unabhängigkeitskrieg. Jedenfalls gibt es hier ein Denkmal der Gefallenen und ein Museum. Im Steak- und Seafood House schmausten wir Abendbrot. In Deutschland zurück, erhielten wir ein schriftliches Dankeschön von der oben erwähnten Motelbesitzern.


Dienstag, 8.8.95
 

Auf Wellesley IslandDie Sonne knallte in unser Zimmer, darum erwachten wir schon recht früh. Gegen 8 Uhr brachen wir auf, um im Nachbarort uns und das Auto zu verpflegen. In einem typisch amerikanischen Schnellimbiss in Depauville frühstückten wir. Ein Mann saß vor dem laufenden Fernseher an der Theke und blickte gebannt auf eine Familienserie, die gerade lief. Als sie zu Ende war, verharrte er in absoluter Bewegungslosigkeit und starrte weiter auf den Bildschirm. Die Bedienung schlurfte durch das Lokal, mehrere "Panzer" kamen noch herein. Ingrid aß Cornflakes, Manfred Rührei mit Toast und ich Toast mit Marmelade. Das ganze für 7$. Hinter Clayton machten wir einen Abstecher auf der 81 North zu einer der "Tausend Inseln". Die Thousand Islands liegen im Ausfluss des Ontario Sees und im Oberlauf des St.-Lorenz-Stromes. Die wirkliche Zahl der Inseln wird heute mit 1753 angegeben, von denen etwa 2/3 zu Kanada gehören. Wir besuchten Wellesley Island. Man hatte einen tollen Blick auf viele kleine Inselchen mit manchmal nur einem Haus und einem Baum besetzt. Der Ausflug hierher hatte sich gelohnt. Bis Morristown fuhren wir noch mit tollem Blick auf die Inselchen am St. Lawrence River entlang, dann ging es ins Landesinnere. Die Häuser wurden immer ärmlicher. Weiter ging es in den Adirondack Park an vielen Seen vorbei. Es wurde immer gebirgiger und bewaldeter. An den Straßen wurde jetzt kein Obst mehr angeboten, sondern Ahornsirup und Mais. Ein kurzes Päuschen legten wir noch an einem See ein, weil er so schön einsam dalag. Es badete nur eine kleine Gruppe Radler. Das Wasser sieht überall in den Adirondacks ganz dunkelbraun aus durch gelöstes Eisen. Langsam wurde es Zeit eine Unterkunft zu suchen, außerdem gefiel es uns in diesem Gebirge sehr gut. Ich erinnerte mich, in der Nähe von Syranac Lake, in Ray Brook ein schönes Motel gesehen zu haben. Motel in Ray BrookEs bestand aus lauter kleinen Blockhütten, die ganz malerisch an einem kleinen, namenlosen See lagen. Glück gehabt, eine Hütte war noch frei. Wir waren davon so begeistert, dass wir gleich für vier Nächte bis Samstag buchten. Im Häuschen gab es ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine voll eingerichtete Küche, ein Bad und eine Essecke mit Blick auf den See. Zwischen Hütte und See war sogar eine Feuerstelle, drei bequeme Polstergartenstühle und ein Picknicktisch mit Bänken. Wenn man Lust hatte, konnte man sich ein Ruder- oder Paddelboot aussuchen und auf den See hinausfahren. Den Grillplatz mussten wir abends unbedingt testen. Also besorgten wir uns vom nächsten Supermarkt Würstchen, Fleisch, fertige Salate und Brötchen. Zum Trinken gab es Old Milwaukee. In dem riesigen Einkaufszentrum entdeckten wir zum ersten Mal Deutsche. Sie standen vor dem Regal mit Milchprodukten und schimpften über die labberige Milch. Denn es gab hier weder Jogurt noch Milch mit mehr als 2% Fett. Schweinefleisch gab es so gut wie gar nicht, dafür viel preisgünstiges und zartes Rindfleisch. An der Salatbar hatte man eine Auswahl von 65 Salaten und 20 verschiedenen Dressings (Ingrid und ich zählten sie extra). Wir kauften noch drei Tageszeitungen, aber von außerhalb der USA stand so gut wie gar nichts drin. Nur der Bosnienkrieg wurde nebenbei erwähnt. Weiterhin lasen wir noch einen großer Artikel über die Schwarzbären im Adirondack Park in einer Zeitung. Es gab hier noch etwa 4000 Bären und die Regierung überlegte, ob sie zum Teil abgeschossen werden sollten, da sich die Probleme mit den Touristen häuften. Das Grillen hat übrigens Spaß gemacht, das werden wir wohl wiederholen.


Mittwoch,
9.8.95

Blick vom Whiteface MountainDie Sonne schien, und wir genossen unser Frühstück mit Blick auf den See. Als wir heute aus dem Fenster schauten, waren beide Mülleimer vor der Tür umgeworfen, und der Müll lag verstreut herum. Das mussten irgendwelche Tiere gewesen sein, denn Rabauken hätten mehr Lärm gemacht. Manfred kam mit einem Nachbarn in Gespräch, der schon seit über 30 Jahren hier seinen Urlaub verbrachte. Der erzählte ihm, dass er 1964 mal in unserer Hütte wohnte, da hatte ihm ein Waschbär (Raccoon) den Mülleimer umgeworfen. Naja, dann war das bei uns vielleicht auch einer. Anschließend unternahmen wir auf dem leeren See eine wunderschöne Bootsfahrt. Wir sahen Seerosen, Enten, sogar Wasserschildkröten und kleine Fischchen. Im Wasser lagen dicke Baumstämme, die manchmal aus der Oberfläche herausragten. Ingrid wurde als Steuermann eingeteilt, da sie vorne saß. Wir versuchten ihr Seemannsprache beizubringen (Steuerbord und Backbord), denn die Navigation war nicht einfach. Das Wasser ist genauso dunkelbraun, wie alle Gewässer hier. Eigentlich wollten wir heute einen Wasserfall besichtigen, aber auf dem Weg dorthin entdeckten wir einen Sessellift, mit dem wir unbedingt fahren wollten. Der Lift führte auf den 1053 Meter hohen Whiteface Mountain. Das ganze Gebiet wurde zu den olympischen Winterspielen 1930 und 1980 in Lake Placid erschlossen. Man fühlte sich wie in den Alpen, und der Ausblick über das Adirondack Gebirge, bis hin zum Lake Champlain war einmalig, trotz Ingrids Frage: "Was wollen wir eigentlich hier oben?". Die Berge sind vollständig bewaldet mit überwiegend Nadelbäumen, Birken und Ahorn. Nur ein paar Seen blitzen zwischen den Bäumen durch. Der Whiteface Mountain ist der einzige Berg der Umgebung mit ein paar Schneisen zum Skilaufen. Laut Reiseführer ist der Adirondack Park neben Alaska das größte Wildnisgebiet der USA, so groß wie der ganze Staat Vermont. Seine Berge gehören zur Gebirgsgruppe der Appalachen im Nordwesten des Staates New York mit höchsten Erhebungen von 1200 bis 1400 m. Es gibt hier 2300 Seen und zahlreiche Flüsse und Bäche. Seinen Namen erhielt er 1857 zur Erinnerung an einen hier lebenden Indianerstamm. Auf dem Rückweg kauften wir im Supermarkt noch Grillgut. Manfred wollte an der Kasse schon beim Einpacken helfen, als die Kassiererin ihm energisch mitteilte, dass dies ihr Job wäre. Zurück in Sherwood Forest relaxten wir bei Kaffee und Kuchen und einer kleinen Bootsfahrt auf "unserem See". Abends grillten wir natürlich wieder.


Donnerstag,
10.8.95

Elefantenkopf in Ausable ChasmAls wir erwachten, war der Himmel wieder blitzblank. Obwohl es tagsüber an die 30°C warm wurde, kühlte es in der Nacht doch ziemlich stark ab. Nach Sonnenuntergang waren wir froh über unsere langen Hosen und warme Pullis. Heute fuhren wir zum High Falls Gorge zwischen Lake Placid und Wilmington gelegen. Diese Schlucht entstand durch den Ausable River. Über kleine Brücken und Stege kann man durch die Schlucht laufen und von Aussichtsplattformen auf den 213 Meter hohen Wasserfall blicken. Dafür, dass man in einer halben Stunde durchmarschieren kann, ist es eine teure Angelegenheit, 11$ für uns drei. Nachmittags bummelten wir ein bisschen durch den 1819 gegründeten Ort Saranac Lake. Hier ist nicht so viel Trubel wie in Lake Placid und es gibt einen schönen Spazierweg am See entlang. Wegen seiner klaren Gebirgsluft versuchte hier der Autor der Schatzinsel, Stevenson seine Tuberkulose auszukurieren. Abends fand wieder unser obligatorisches Grillen statt. Ingrid kochte ich Nudeln, da sie kein Fleischfan war.

Freitag,
11.8.95

Lake Placid: Schnee im SommerDas erste Mal nach langer Zeit, dass der Himmel bedeckt war. Unsere Haut hatte auch eine Pause verdient. Die Mülltonne lag heute schon wieder umgeworfen vor unserer Haustür. Nach einer morgendlichen Bootsfahrt auf dem Haussee fuhren wir nach Ausable Chasm. Dies ist eine tiefe Schlucht an der Stelle, an der der Ausable River in den Lake Champlain fließt. Ausable Chasm gehört zu den ältesten organisierten Touristenattraktionen der USA (seit 1870). Ein Fußweg führte über steinerne Stufen, hölzerne Treppen und Brücken durch die Schlucht bis zum Table Rock, vorbei an massiven Felsformationen (Potsdamer Sandstein), die einem Elefantenkopf und einer Kathedrale ähneln. Eigentlich ist die Schlucht für Fußgänger Einbahnstraße. Am Table Rock geht es mit einem Boot weiter. Aber erstens wollte Ingrid nicht in das Boot, zweitens haben wir vergessen, uns Tickets zu besorgen am Eingang. So drehten wir am Ende gegen den Menschenstrom wieder um. Hier, zwischen den hohen Felsen war es fürchterlich schwül, uns lief das Wasser aus allen Poren. Auf dem Rückweg legten wir einen Stop in Lake Placid ein und bummelten an den Schaufenstern entlang. Diese Stadt war schon zweimal Austragungsort der olympischen Winterspiele und sie liegt an den beiden Seen Lake Placid und Mirror Lake. Im Hintergrund sah man den höchsten Berg New Yorks herausragen, den Mount Macy. Vor dem Olympiazentrum wurde täglich ein frischer Schneehaufen abgeladen (und das bei 30°C), damit sich die Touristen im Schnee fotografieren lassen konnten. Auch das Geschäft mit dem Weihnachtsschmuck boomte. Nachmittags gab es einen heftigen Gewitterguss. Wie bestellt hörte der Regen aber zum Grillen auf. Es war zwar noch etwas feucht draußen, aber wir hatten das Brennholz unter der Hütte ins Trockene gelegt. Heute piesackten uns zum ersten mal die Mücken ganz fürchterlich. Ich glaube Manfred zählte am nächsten Tag fast 15 Stiche. Nur Ingrid wurde vollständig verschont.

Samstag, 12.8.95

Abschied von unsem Motel in den AdirondacksHeute morgen, als wir erwachten regnete es. Es war unser letzter Tag in Sherwood Forest. Kaum zu glauben, dass erst eine Woche Urlaub vorbei war. Wenn man so viel erlebte, kam einen die Zeit viel länger vor. Nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns von dem Motelbesitzer, ließen uns noch einen Prospekt geben und starteten los. Inzwischen ließ der Regen nach und Manfred besorgte sich in Lake Placid ein Pfeifenanfängerset, Ingrid einen kleinen Stofftier-Schwarzbären und ich ein T-Shirt. Weiter ging es über Saranac Lake, den Weg 3 durch die Adirondacks bis Plattsburgh. Hier gab es wenig Farmen, aber verstreute Wohnhäuser. Und überall an der Straße wurden die unmöglichsten Sachen und Gerümpel zum Kauf angeboten. Ab Plattsburgh führte unsere Straße am Lake Champlain entlang, den Weg Nr.9 und 9N zum Rouses Point. In diesem kleinen Ort, dem letzten in New York, bevor wir nach Vermont reisten, bummelten wir ein bisschen und schmausten in einem typisch amerikanischen Imbiss. Hier am Lake Champlain war es sonnig und schwülwarm. Unsere nächste Station hieß Burlington in Vermont. Hier fielen die großen intakten Farmen auf, und die fehlenden überdimensionalen Werbeschilder an den Straßen. Aus dem französischen übersetzt bedeutet Vermont: grüne Berge (Les verts monts), denn mehr als 60% der Fläche sind mit Wald bedeckt. ¾ der Bevölkerung lebt hier von der Landwirtschaft. In der 1773 am Lake Champlain gegründeten Stadt Burlington leben heute ca. 38.000 Menschen. Einen davon, eigentlich vier, wollten wir einen Besuch abstatten, darum die lange Fahrt hierher. Für morgen waren wir verabredet, aber jetzt brauchten wir erst einmal eine Unterkunft. Hier in der Stadt war es uns zu hektisch, so probierten wir unser Glück in Waterbury, Richtung Green Mountains im Holiday Inn. Der Ort liegt etwa 30 Meilen von Burlington entfernt. Der Blick von hier auf die Berge war toll. Auf einer Bank im Grünen testete Manfred seine neue Pfeife. Aber ich stellte fest, dass Pfeife rauchen zwar ekelhaft schmeckt, aber gut riecht, wenn es ein anderer raucht. Manfred gewöhnte sich wohl langsam daran. Abendessen gab es im Hotel.


Sonntag, 13.8.95

In Burlington/VermontDie Sonne strahlte aus allen Löchern. So gut wie die letzten vier Nächte schliefen wir hier natürlich nicht, aber wir waren ja auch sehr verwöhnt von unserer Blockhütte. Punkt zehn Uhr trafen wir am verabredeten Punkt in Burlington ein. Unser Bekannter Franz kam uns schon mit der kleinen Gloria auf dem Arm entgegen. Er fuhr mit seinem Auto vorweg, und wir folgten ihm zu seinem Haus. Es war ein großes Reiheneckhaus. Ging man den 50 Meter hohen Abhang hinter seiner Terrasse hinunter, war man direkt am Lake Champlain. Wir frühstückten ein zweites Mal auf der Terrasse, mit schönem Blick über den ganzen See bis hin zu den Adirondacks. Die Mieter der Häuser teilten sich den Swimmig Pool, den wir im Anschluss besuchten. Ingrid wollte gar nicht mehr heraus aus dem Wasser. Als Wasserspielzeug waren hier gerade farbige, schwimmende, biegsame, etwa ein Meter lange Kunststoffstangen modern. Man kann sich drauflegen oder sie irgendwo unter stopfen, wie ein Schwimmreifen. Glorias Eltern waren ständig bemüht, dass die etwa drei Jahre alte Gloria nicht ihre Badehose auszog. Kaum drehten sie sich um, war sie schon wieder unten. Natascha erzählte mir, dass ein Nachbar schon einen schriftlichen Beschwerdebrief erhalten hatte, da seine Kinder nackt badeten und nicht in die Umkleidekabine gingen, tstststss. Nach dem Baden bummelten wir zurück und starteten mit dem Grillen auf der Terrasse. Franz und Natascha erzählten ein bisschen von hier. Beiden gefiel es gut, nur die Winter waren sehr hart. Es kann bis zu -30°C werden. Und die Häuser waren so gut wie gar nicht isoliert, dass es an allen Ecken und Enden reinzog. Im Schlafzimmer wurde es dann nie wärmer als 15°C. Im letzten Winter hatte Natascha sämtliche zur Verfügung stehenden Handtücher zum Abdichten der Türen und Fenster verwendet. Gemütlich sah es dann nicht mehr aus. Dafür waren die Sommer um so schöner. Markus, der 16 jähriger Sohn, musste über Manfreds Sprüche so lachen, dass er sie am liebsten auf Tonband aufgenommen hätte, um mal wieder lachen zu können. Zum Beispiel sagte Franz, der im Bund Naturschutz sehr aktiv war: "Ich kämpfe bis zum letzten Baum", worauf Manfred erwiderte: "Ich kämpfe bis zum letzten Weißbier". Ich hoffte nach dem Abend, dass Franz nicht zu sehr beleidigt war. Ich fand, dass es ein sehr schöner Tag war. Gegen 21 Uhr brachen wir auf. Franz brachte uns noch bis zur Autobahnauffahrt, dann ging es mit der schlafenden Ingrid auf dem Rücksitz zum Holiday Inn zurück.


Montag,
14.8.95

Apple Basket Inn (Kanada)Ein paar Blicke zurück in die Green Mountains, dann ging es wieder Richtung Thousand Islands". Wir wollten auf der kanadischen Seite des Ontario Sees zurück nach Toronto fahren. Zuerst auf der Autobahn (Interstate 89), am Lake Champlain entlang, dann überquerten wir den See und fuhren durchs Landesinnere von New York. Unter anderem querten wir ein Indianer Reservat, in dem es an der Straße hauptsächlich Geschenkartikel und Glückspielhallen gab, die wohl in New York verboten waren. Sonst merkte man eigentlich nicht, dass man durch ein Indianer Reservat fuhr. Die Grenze nach Kanada bereitete überhaupt keine Probleme. Die Zöllnerin plauderte mit uns über unseren Urlaub und wünschte uns einen guten Aufenthalt in Kanada. Auf der anderen Seite des Ontario Sees fuhren wir neben der Autobahn bis Kingston, dann den Königsweg 33 bis zu einer Stelle, wo es nur noch mit Fähre weiterging. Zu Ingrids Bedauern dauerte die Fahrt auf der Fähre nur sieben Minuten. Die Häuser auf der kanadischen Seite sahen bedeutend stabiler aus, als auf amerikanischer. Die Menschen waren anscheinend wohlhabender als drüben. Auch sah man hier mehr Fabriken (Nylon, Strom...). Auf der Halbinsel folgten wir einem Wegweiser Richtung "Bett". Je länger wir dem Weg folgten, desto unbewohnter wurde es. Nach einer guten halben Stunde entdeckten wir wieder ein Schild "Bed & Breakfast". Das Haus hieß Apple Basket Inn", und lag inmitten eines riesigen Gartens. Drum herum waren Felder mit Apfelbäumen. Wir fragten nach einem Zimmer, und bekamen von der freundlichen Besitzerin, die gerade im Garten beschäftigt war, zwei große, miteinander verbundene Räume. Ein kleiner Mops folgte Ingrid auf Schritt und Tritt, Treppe rauf, Treppe runter. Hier im Haus war alles in Form von Äpfeln eingerichtet, Aschenbecher, Seifenhalter, usw.. Vom Hunger geplagt, besuchten wir das Nachbardorf. Vorhin hatten wir dort ein Gasthaus entdeckt. Wir erhielten noch einen schönen Tisch im Freien. Die Bedienung war sehr freundlich, und das Essen sehr lecker. Ingrid aß Hot Dog mit Bratkartoffeln und zum Nachtisch ein Schälchen Smarties, Manfred und ich aßen Gulasch mit frischem Brot und Salat. Dazu tranken wir Sleeman Beer. Die Bedienung bat uns noch zum Schluss, ob wir uns wohl ins Gästebuch eintragen könnten. Denn sie nahm an, dass wir nicht aus Kanada stammten. Abends trafen wir in unserer Pension noch Deutsche aus dem Saarland. Sie waren hier auf Verwandtenbesuch, und wohnten in diesem Haus schon seit drei Wochen. Nachts war es so leise, dass man sogar mit offenem Fenster schlafen konnte. Nur die Grillen hörte man.


Dienstag, 15.8.95

Unterwegs: Ein Wiesel?Das Wetter war wieder schön. Aus Mitleid mit den Saarländern, setzte uns die Wirtin am Frühstückstisch zusammen, damit die Armen mal wieder deutsch reden konnten, meinte sie. Zuerst gab es ein Tellerchen zurechtgemachtes Obst (Wassermelone, Honigmelone, Papaya, Kiwi, Ananas und Kiwieis), dann Müsli zur Selbstbedienung und hinterher noch Rührei mit Tomate, Zucchini und Kochschinken. Nachdem wir paar Tips von der Gegend erhalten hatten, verabschiedeten wir uns schweren Herzens. Das war wirklich eine nette Unterkunft. Auf Empfehlung der Wirtin fuhren wir zu den Sandbanks. Dies war ein großer Park mit Dünenstrand. Man hatte zur Auswahl, Lagunenwasser oder offene See. Wenn der Salzgeschmack nicht fehlen würde, könnte man sich wie am Meer fühlen. Das gegenüberliegende Ufer des Ontario Sees konnte man nicht erkennen. Als Ingrid und ich gerade badeten, entdeckte Manfred eine etwa 80 cm lange Schlange, die gerade aus ihrem Versteck, nahe unseres Lagerplatzes, flüchtete. Bei einer Tankstelle erkundigte sich Manfred danach und erfuhr, dass es wahrscheinlich eine "Milksnake" war, und nicht besonders giftig sei. Das heißt, man fühlt sich nach einem Biss ein bisschen unwohl, aber man braucht nichts zu unternehmen. Da wir uns nicht durch das volle Toronto quälen wollten, fuhren wir etwas mehr ins Landesinnere. Unterwegs sahen wir immer wieder überfahrene Tiere, Waschbären, Igel... Die Straßen gingen kilometerlang immer geradeaus und es herrschte wenig Verkehr. In Port Perry, 70 km vor Toronto, legten wir eine kleine Pause am Lake Scugog ein. Eis leckend entdeckten wir ein Infozentrum, wo wir uns Unterlagen mit Übernachtungsmöglichkeiten besorgten. Nach einer längeren Diskussion bzw. Suche entschieden wir uns für das Railroadhouse Motor Motel, mitten im Ort, war ganz o.k.. Abends bummelten wir ein bisschen die Geschäftsstraße entlang und schmausten in einem Chinarestaurant. Das wir aus Deutschland waren, erzählte die Besitzerin gleich dem Koch als Besonderheit. Der steckte seinen Kopf hervor und betrachtete uns. Leider hatte ich höchstens die Hälfte dieser Riesenportion geschafft. Auf unsere Bemerkung, dass wir das Essen unmöglich bezwingen könnten, fragte uns die Bedienung ganz verwundert, ob bei uns die Menschen nicht so dick wären? Wir bummelten noch ein bisschen am See entlang zu einem großen Spielplatz. Hier konnte sich Ingrid austoben. Hinterher sahen wir noch beim Damenbaseball zu, wurden aber nicht schlau aus den Regeln.


Mittwoch, 16.8.95

Spielplatz bei TorontoDie Frau an der Rezeption erkundigte sich gleich, wie wir geschlafen hätten, und drückte uns einen Gutschein für das Familienrestaurant gegenüber in die Hand. Wie fast überall in Kanada und USA gab es nur große, gehaltvolle Portionen. Weiter ging unsere Fahrt nach Toronto. Der Verkehr wurde immer dichter. Schließlich landeten wir auf 10-spurigen Straßen, und man musste höllisch aufpassen. Obwohl wir noch ein paar Stunden Zeit hatten, kamen wir von dem Gedanken ab in die Innenstadt zu fahren bei dem Verkehr. Lieber fuhren wir noch Richtung See. In Oakville tankten wir und vertrieben uns die restliche Zeit an einem, mit Wasser berieselten Spielplatz. Gegen 15 Uhr stürzten wir uns wohl oder übel wieder ins Gewühl, Richtung Flughafen. Die Leihwagen Rückgabe war gut ausgeschildert. Wir checkten gleich ein, bummelten herum, kauften eine "Welt am Sonntag" und warteten auf das Flugzeug. Überpünktlich, vor 19 Uhr starteten wir mit einer Boing 767. Allein fünf Stunden flogen wir über den amerikanischen Kontinent. Zuerst konnten wir gar nichts sehen. Unter uns tobten wohl heftige Gewitter, denn wir mussten uns anschnallen. Dann sah man die Rocky Mountains, Felsen, Dörfer, grüne Täler, eine Gegend, wo lauter runde, dunkle Löcher waren und weiße Flächen, entweder Schnee oder Salzwüste mit steilen Felsen. Kurz bevor wir den Kontinent verließen, flogen wir über weiße Berge und riesige beleuchtete Großstädte an der Küste.



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