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Graaff Reinet
 
Donnerstag, 22. Juni 2006
 

In der Mailbox fanden wir heute eine Antwort der B & B Pension Obesa, von 5 Uhr heute morgen, die noch ein schönes Zimmer für uns frei habe. Wir sagten zu und reisten nach dem Frühstück los.

Die Straßen waren so gähnend leer, dass man Autos an einer Hand abzählen konnte. Aber sie waren super in Ordnung. Die Städte waren vielleicht 50 bis 100 km auseinander liegend, dazwischen war nichts bewohnt. Hin und wieder stand ein Strauß in der kargen, felsigen Landschaft, auch einen Springbock sahen wir sowie Rinderherden, Pferde und Schafherden.

 
Blick aus dem Hotelfenster in Upington 50 km nach Hanover
Der morgentliche Blick aus unserem Hotel in Upington Nur noch 50 km nach Hanover
 
Nach 250 km tankten wir in Prieska. Je weiter wir uns Graaff Reinet näherten, desto regnerischer wurde es. Wir mussten über zwei Pässe fahren, mal 1500 Meter, mal 1700 Meter.
 
Regenbogen Wir nähern uns den Bergen
Wir nähern uns den Bergen
 
Plötzlich blinkte am Armaturenbrett die 3 Grad Marke. Bis dahin wussten wir gar nicht, dass ein Außenthermometer vorhanden war. In der Bedienungsanleitung des Autos stand, dass die Temperaturanzeige ab 3 Grad automatisch erscheint an der Stelle, wo sonst die Uhrzeit angezeigt wurde. Dass es so frisch draußen war, hätten wir nicht gedacht!
 
Von Upington nach Graaff Reinet
Von Upington nach Graaff Reinet
 

Nach 690 km, 6 Stunden und 50 Minuten erreichten wir Graaff Reinet bzw unsere B&B Pension Obesa. Von Außen sind die Units knallgrellbunt gestrichen, innen sind sie riesig, größer als unser Wohnzimmer. Auf Wunsch stand auch schon ein elektrischer Heizlüfter bereit. Was wollen wir mehr?

 
B & B Obesa in Graaff Reinet B & B Obesa in Graaff Reinet
B & B Obesa in Graaff Reinet
 

Wir kauften ein bisschen im Ort ein und bereiteten uns unser Abendessen wieder selber. Leider fingen heute bei Manfred Halsschmerzen an, ich hoffte, dass sie nur von kurzer Dauer sein werden.

Graaff Reinet ist die viertälteste Stadt Südafrikas liegt am Flusstal des Sunday River. Die markanteste Kulisse ist der Spandaukop. Es wurden viele historische Gebäude restauriert und über 200 unter Denkmalschutz gestellt.

Wetter: Schauer / Temperatur morgens: 6°C, mittags: 16°C
Gefahrene Kilometer: 690 km in 6h 50m.

 
 
Freitag, 23. Juni 2006
 

Pünktlich um 8:30 Uhr wurde uns das „Englische Frühstück“ aufs Zimmer serviert: Spiegelei mit Wurst, Speck und Tomate, Toast, Marmelade, Butter, Saft, Erdbeerjoghurt und Kaffee oder Tee nach Wahl. Schmeckte lecker und ich testete ganz vorsichtig ein Spiegelei, was mir gut bekam.

Anschließend wanderten wir zum Infozentrum. Man kann dies, wie viele Geschäfte nicht einfach so betreten, sondern man klingelt oder wird gesehen, dann wird einem die vergitterte Tür geöffnet. Übrigens auch unsere Pension ist rundum mit vergitterten Fenstern versehen. Die Tür zur Straße lässt sich nur mit einem Schlüssel öffnen. Das dazu, jedenfalls fanden wir in dem Zentrum viele Infos der Umgebung und ein Mitbringsel für Ingrid. Als ich gerade zahlte und Manfred sich draußen umsah, trat ein Schwarzer mit den Worten „Wie geht’s?“ auf Manfred zu. Manfred wunderte sich und der Schwarze, namens Soli erzählte, er lerne seit 7 Monaten Deutsch, wozu er jeden Montag ins 250 km entfernte Port Elizabeth führe. Er arbeitete als Tourguide und erzählte uns von 1,5-stündigen Touren durch die Townships, die er führte. Gut, wir verabschiedeten uns und auf dem Rückweg überlegten wir, ob wir so eine Tour für morgen nicht doch rasch noch buchen sollten. Also noch mal zurück zum Infozentrum! Hier buchten wir nun die 1½-stündige Tour für morgen um 10 Uhr (75 Rand pro Person.). Woran Soli Manfred als Deutschen erkannt hatte, verriet er uns nicht.

Wir tankten noch, 40,6l / 438km / 260Rand. Dann fuhren wir zum 14 km entfernten Valley of Desolation, der Attraktion dieser Gegend.

 
Plan Graaff Reinet - Valley of Desolation Valley of Desolation
Plan Graaff Reinet - Valley of Desolation Das Valley of Desolation kommt in Sicht
 

Seinen Namen bekam das Valley of Desolation durch die herumliegenden Felsbrocken, hoch emporragenden Gipfeln, wackligen übereinandergetürmten Steinen und steilen Hängen. Die Fahrt durch das Tal lohnt sich wegen des einmaligen Panoramas. An klaren Tagen sieht man sowohl den 2500 Meter hohen Compass Mountain der Sneeuberg- Kette, als auch die vielen näheren Berge der Umgebung und Graaff Reinet. Ab dem Besucherparkplatz startet ein 1,5 km langer Rundweg, den man in einer Stunde gemütlich wandern kann. Unterwegs hat man immer wieder herrliche Ausblicke.

 
Valley of Desolation Valley of Desolation
Blick vom Valley of Desolation auf die Umgebung (rechts Graaff Reinet)
 
14°C1261 Meter
Mein Schweizer Präzisionsmesser zeigte oben auf dem Aussichtspunkt diese Werte
 
Aussichtspunkt im Valley of Desolation Aussichtspunkt im Valley of Desolation
 

Man sollte den Weg mit Wanderschuhen begehen, da er sehr felsig ist (Lackschuhe wären hinterher kaputt). Gleich zu Beginn nach der Eingangspforte entdeckte Manfred schon die ersten Wildtiere, Rehähnlich, vielleicht ein Steenbok. Wir wanderten natürlich auch den 1,5 km langen Wanderweg, wofür wir mit tausend Fotopausen tatsächlich eine Stunde benötigten und waren beide überrascht, wie bergig die Umgebung Graaff Reinets war. Auf dem Rückweg filmte ich noch einen über uns seine Kreise ziehenden schwarzen Adler.

Hinterher besuchten wir den nahegelegenen Wildpark. Man kann hier übrigens schon gleich die Eintrittsgebühr für beide Parks (Valley of Desolation und Wildpark) zahlen, was wir versehentlich, durch Verständigungsprobleme hier noch einmal doppelt taten.

 
Adler Affen
Ein Adler? Affen am Wegesrand
 

Dieser Park kann auf 19 km Straße selbst befahren werden, aber man darf, wegen der hier lebenden Büffel, nicht aussteigen, nur am Picknickplatz. Im Park leben verschiedene Antilopenarten, Büffel, Springböcke, Kudus, Strauße… Wir entdeckten sogar einen der Wasserbüffel und viele andere Tiere auch. Ach ja, auf dem Weg zum Wildpark sprangen plötzlich Affen über die Fahrbahn.

 
Gemsböcke? Büffel?
Gemsböcke? Büffel?
   
Stausee von Graaff Reinet Stausee von Graaff Reinet
Am Stausee von Graaff Reinet
 
Am Staudamm hielten wir noch einmal zum Fotografieren, wo wieder neugierig kleine Dassies zu uns rauf blickten, dann ging’s zurück zur Pension, wo wir den Abend verbrachten.
 
Im Garten von B & B Obesa Im Garten von B & B Obesa
Im Garten von B & B Obesa
 

Wetter: Schön, keine Wolke mit 6°C morgens und 18°C mittags.
Gefahrene Kilometer: 60 km.

 
 
Samstag, 24 Juni 2006
 

Wie üblich wachten wir gegen 7:30 Uhr auf. Nach dem Frühstück brachen wir zu unserer Tour durchs Township auf. Aber zuerst zapften wir noch Kohle und fanden sogar ein Büchergeschäft, wo wir ein kleines Büchlein von Graaff-Reinet erstanden.

Punkt 10:30 Uhr stand Soli vor dem Infozentrum und nahm uns mit. Zu Fuß gingen wir zum 10 Minuten entfernten Township. Soli fragte uns, wie viel Zeit wir hätten, da heute eine Beerdigung stattfinden würde, zu der wir herzlich eingeladen wären. Wir hatten den ganzen Tag Zeit. Also führte er uns zuerst in die anglikanische Kirche, wo der Gottesdienst im vollen Gange war. Wir durften beim Gesang knipsen und filmen. Soli war Vorstand des Kirchenchors, so dass ihm unsere Teilnahme ganz Recht war, ansonsten hätte er uns gleich durchs Township führen müssen und hätte nicht mitsingen können.

 
In der anglikanischen Kirche Überfüllter Minibus
Beim Gottesdienst der Beerdigung Im Minibus zum Begräbnis
 

So ein Gottesdienst läuft hier etwas anders ab, als bei uns. Gepredigt wird in Xhosa und Africaans. Nur 15% des Townshipbewohner können Africaans, es leben 98 % Xhosa-Leute in diesem Township. Zwischendurch wird viel gesungen und dabei zum Teil getanzt. Die anglikanische Kirche darf übrigens von Schwarz und Weiß besucht werden, in der Methodistenkirche herrscht noch Apartheid, hier hätten wir nicht teilnehmen dürfen.

Nach der Kirche ging’s mittels sehr abenteuerlichen Transports auf den Friedhof. In einem Nissan Minivan, zugelassen für 12 Personen, quetschten wir uns zu 17. Vor mir hing mühsam ein Jugendlicher, mit seinem ultramodernen Handy spielend. Die Fahrt war sehr laut, es wurde ständig gesungen und zum Takt mit den Händen auf das Gesangbuch geklopft. Soli, der neben mir saß, erklärte mir beim Vorbeifahren an einer anderen Wohnsiedlung, dass hier Colered wohnten, Mischlinge. Sie leben hier seit der Apartheid und sind besser angesehen als Schwarze, auch sehen ihre Häuser nicht so ärmlich aus, wie die der Xhosa.

Auf der Beerdigung selber ging es wieder sehr lebhaft zu. Zwischen den Reden wurde immer wieder fröhlich gesungen und mitgeschaukelt. Übrigens finden alle Beerdigungen Samstags statt. Neben mir stand die Frau, die auch in der Kirche neben mir saß und erklärte mir, warum es so lebhaft zuginge. Die Menschen müssten ihre Trauer rauslassen mit singen und tanzen, dann erst können sie ihre  Trauer überwinden.

 
Auf dem Weg zum Grab wird fröhlich gesungen Am Grab
Auf dem Weg zum Grab wird fröhlich gesungen Am Grab
 
Die Rückfahrt zum Township verlief noch abenteuerlicher, zumindest für Manfred. Die Minibusse waren voll, Soli ergatterte für uns eine Mitfahrgelegenheit in einem Pickup. Ich durfte hinter dem Beifahrer sitzen, Soli und Manfred saßen bzw. standen mit ca. 8 weiteren Männern auf der Ladefläche des Pickups. Dazu wurde Manfred zum Fußball befragt, der WM, die gerade in Deutschland stattfand.
 
Township von Graaff Reinet Township von Graaff Reinet
Im Township von Graaff Reinet
 
Die Beerdigung endete und die Township-Führung ging weiter. Die Kinder wurden sehr gern fotografiert und versammelten sich ruckzuck zur Fotosession.
 
Snap me! Snap me!
Snap me! Die Kinder waren begeistert von den Fotos
 
Er führte uns in das Haus seiner Mutter, wo seine Drillinge und die Kinder seiner Geschwister in der Küche versammelt saßen. Man sah es dem Haus von außen nicht an, aber innen war das Wohnzimmer wirklich top gepflegt mit hübschen Möbeln, TV und Fotos an den Wänden. Soli meinte, die Möbel wären älter als er, warum die Kinder auch nicht das Wohnzimmer betreten durften, zur Schonung der Möbel. Es gab zwei Schlafecken mit 4 Betten. Wer nicht in die Betten passte, schlief auf dem Fußboden.
 
Soli mit seiner Mutter und seinen Kindern Im Wohnzimmer von Solis Mutter
Soli mit seiner Mutter und seinen Kindern Im Wohnzimmer von Solis Mutter
 
Eine Frau rief Manfred hinterher, dass sie fast verhungerte. Sie postierte sich extra für ein Foto, Manfred gab ihr etwas Geld, was er hätte nicht tun soll, wie Soli ihm sagte. Niemals einem in der Öffentlichkeit Geld geben, dass erweckt den Neid der anderen.
 
Eindrücke aus dem Township Eindrücke aus dem Township
Weitere Eindrücke aus dem Township
 

Zwischendurch ein paar Fakten:

Zur Zeit der Apartheid wurden die die Menschen nach ihrer Hautfarbe in drei Klassen eingeteilt, Schwarze, Colered und Weiße. In den Köpfen mancher Weißer existiert die Apartheid leider immer noch, erzählte Soli. Townships hießen früher nicht Townships, sondern u.a. Kaffernviertel. Es gab riesige Flutlichter in den Townships, mit denen sie zur Überwachung beleuchtet wurden in der Dunkelheit. Es gab weder Strom, noch Wasser noch Abwasser, noch Krankenhäuser, noch Bildungsmöglichkeiten.

Jetzt gibt es kostenlos Strom, bis zu einer bestimmten Menge, es gibt Wasser, Abwasser wird abgeleitet, es gibt kostenlose ärztliche Versorgung (Kondome sind gratis wegen der hohen AIDS-Rate von offiziell 13%). Die staubigen Straßen wurden geteert. Die Schule im Township kostet jedes Kind 40 Rand im Jahr und es wird Englisch, Africaans und Xhosa gelehrt. Rentner bekommen ab 60 Jahren eine staatliche Rente von 300 Rand/Monat, Kinder unter 7 Jahren erhalten 100 Rand/Monat.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 60%, sicher eine Folge der schlechten bis gar keinen Bildung, während der Apartheid. Arbeitgeber sind heutzutage verpflichtet einen großen Prozentsatz Schwarze einzustellen, aber was nützen die Quoten, wenn es an Ausbildung mangelte? Jobs gibt es hauptsächlich um Kapstadt und Johannesburg herum. So verdient ein schwarzer Arbeiter ca. 1200 Rand in 2 Wochen bei Kapstadt, hier bei Graaff Reinet nur die Hälfte. Colored erhalten bessere Jobs, zum Beispiel auch als Aushilfspolizist und Bürojobs. Wegen des schlechten Verdienstes sieht man Schwarze auch nie in Restaurants. Und sie wohnen deswegen auch weiterhin in ihren Townships. Die Miete in der Stadt ist unerschwinglich, dort wohnen fast nur Weiße.

 
Township in Graaff Reinet Township in Graaff Reinet
 

Gegen 14 Uhr war Soli mit seiner Führung fertig, aus den 1,5 Stunden wurden 3,5 Stunden. Aber so tiefe Einblicke in das Leben der Xhosa hätten wir ohne Soli nie bekommen.

Zuhause relaxten wir und ich schrieb natürlich erst mal alles schnell nieder, um es nicht zu vergessen. Ein wenig saß ich noch im Garten, dann schauten wir Fußball und gingen schon um 20 Uhr ins Bett in der Hoffnung, dass Manfred ein wenig seine Erkältung auskurieren konnte.

Wetter: Schön, keine Wolke mit 7°C morgens und 17°C mittags.

 
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